Freitag, 4. August 2017

Kleingedrucktes: Worauf kommt es bei einer selbstständigen Berufsunfähigkeitsversicherung (SBU) an?

Auf einen ganzen Haufen Kram. Mir fiel heute die Ausarbeitung des Kölner Analysehauses infinma in die Hände, welches sich mit Standards der SBU-Bedingungen befasst. Die BU-Marktstandards lassen sich auch auf der infinma Seite runterladen.

Auf welche Klauseln kommt es an?


Das hängt vom Einzelfall ab, bestimmte Klauseln sind aber fast immer wichtig. Im Kürze möchte ich darstellen, wo es eine auffällige Diskrepanz gibt, von wichtig zu erschwinglich. Sprich welche Klauseln sind wichtig aber nicht selbstverständlich quasi überall dabei.

Kritische Klauseln:


Prognosezeitraum


Vereinfacht: Wie lange muss ich voraussichtlich außer Stand seinen meinen Beruf aus zu üben? Je kürzer, umso besser. Sechs Monate ist zurzeit das Optimum, was rausgeholt werden kann. Aber fast 20% der Tarife auf dem Markt erfüllen dieses Kriterium nicht.



Kostenbegrenzung bei Umorganisation


Kann Ihr Arbeitsplatz (behindertengerecht) umgebaut werden? Falls ja, würde es kein Geld geben. Gelegentlich gibt es einen Zuschuss. Die Frage ist nur, möchte Ihr Boss das Geld wirklich ausgeben? Und wird er es im Zweifel tun? Hier haben Mitarbeiter von Konzernen, welche auch Invalidenquoten erfüllen müssen, oft ein paar Vorteile. Dennoch sollte auf die Umorganisation verzichtet werden oder die Bedingungen stehen. Nur etwa 15% der untersuchten Tarife (69:415) erfüllen das.



Theoretisch ist die zweite Kröte, dass die wenigsten Tarife die Umorganisationsbedingungen eindeutig definieren. Ich bin mir aber sicher, dass es Urteile zur Kostenbegrenzung (Wirtschaftlichkeitsgebot) gibt oder eine Klage sich lohnen würde.  So gab es z. B. OLG Urteile, dass die Lohnentwicklung zu berücksichtigen sei oder dass wegen der Kosten eine Umorganisation unzumutbar sei (OLG Frankfurt a. M. Az 7 U 287/08).
Aber dass bei vollständiger Wirbelsäulendegeneration höhenverstellbare Schreibtische zu bezahlen seien (LSG Rheinland-Pfalz Az. L 6 R 504/14). Es gab noch weitere nachteilige Auslegungen, z. B. LG Frankenthal (Az 3 O 347/07), dass auch 20% Einbuße für die Umorganisation beim Einzelgewerbetreibenden zumutbar seien.
Die reine Umorganisation auf Nischenarbeitsplätze oder theoretische Arbeit, für die es keinen Markt gibt, ist ebenfalls unzulässig (BGH VersR 99, 1134).



Untersuchungen im Ausland

Ja, es ist eine Nischen-Klausel, die nur bei bestimmten Berufen greift. Aber gerade letzte Woche hatte ich eine Nuklearmedizinerin in der Beratung, welche ca. 4 Monate nicht in Deutschland ist und vermutlich diesen Anteil noch ausbauen wird. Oder mein Bauingenieur auf der arabischen Halbinsel. Der Chefeinkäufer im Großhandel. Der Teilehändler eines Metallverwerters. Der Seemann. Usw. usf. Wer beruflich sehr viel im Ausland unterwegs ist oder (mindestens) teilweise einen Lebensmittelpunkt dort hat, für den kann es ein relevanter Punkt sein. Ca. 20% der untersuchten Tarife bieten das an.


Verzicht auf befristete Anerkenntnisse

Kriegsentscheidend wichtig! Nicht immer kann eine Prognose für lange Zeit abgegeben werden, weshalb die Versicherungen gerne auf Zeit spielen und erstmal nur befristet anerkennen wollen (gem. §173 II VVG). Dafür erleichtern Sie die Initialzahlung mittels sog. Individualvereinbarungen. Klingt erstmal gut, ist es aber nicht. Abgesehen vom erhöhten administrativen Aufwand, gelten auf neue Bedingungen während der Nachprüfung, die es zu vermeiden gilt. Oder es wird zum Nachteil für den Kunden abgewichten. Theoretisch gilt zwar, dass ein geregelter Sachverhalt nicht zum Nachteil des Versicherungsnehmers geändert werden kann (BGH vom 07.02.2007 mit Az. IV ZR 244/04) aber wie kann der Laie das denn durchblicken, mhm? Und was, wenn es nicht geregelt war? Keine Regelung, keine negative Abweichung. Höchst gefährlich, möglichst immer ausschließen. Die wenigen Fälle, wo es Vorteile geben kann, sind an dieser Stelle vernachlässigbar.

Nachprüfung

Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir zusehen, dass die Nachprüfung für den Versicherungsnehmer nicht schlechter ist als die ursprüngliche Prüfung auf Berufsunfähigkeit. Hier patzen immerhin 96% der untersuchten Tarife, vgl. Grafik.

Leistung bei Arbeitsunfähigkeit


Sehr komplexes Thema, das einen gesonderten Beitrag verdient. Fest zu halten ist, dass es hier noch keine pauchal gültige Musterlösung gibt. Und seit das Mannheimer Krankengeld (ehemaliger, unangefochtener Leistungsmarktführer) nicht mehr abschließbar ist, wurde es noch enger.

Und die Moral von der Geschicht...


...Billigstleistung lohnt sich nicht! Wer nur auf den Preis guckt, der zahlt am Ende drauf, weil er sich Bedingungen einkauft, die er gar nicht haben mag. Denn nahezu alle der 5 Sterne, 10 Kochlöffel, 35 Augen oder 50 Muscheln Ratings vergeben Topnoten auch an Tarife, welche die o. g. Klauseln nicht einhalten können. Was nutzen aber x€/Ersparnis im Monat, wenn die eigene Existenz dadurch vernichtet ist?
Außerdem hat jede Versicherungen Ratings, wo sie ganz toll aussieht, denn davon leben diese Ratinggesellschaften.

Die selbstständige Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine Statusabsicherung und nach der Krankenversicherung die teuerste Personenversicherung, welche die meisten Leute abschließen können. Gute Beratung kostet hier nicht extra, denn die Vergütungen (Courtage/Provision) sind in den Abschlusskosten bereits einkalkuliert. Und selbst wenn Sie mal 300-400€ für eine fundierte Beratung ausgeben, ist das im Zweifel günstiger als sich den falschen Schutz ein zu kaufen oder bei einem Abzocker keine Leistung zu bekommen, weil der Mist erzählt hat (egal ob aus Blödheit oder Bosheit).

Drum prüfe, wer sich ein Arbeitsleben lang bindet. Es gibt natürlich noch viel mehr Klauseln aber zu diesen gab es schönes Zahlenmaterial. Drum Dank an die Kölner Kollegen von infinma vor die gute Vorarbeit.

Und falls Sie uns prüfen lassen wollen, Sie finden in der Seite unser Kontaktformular. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre. Und bleiben Sie gesund!

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