Dienstag, 8. August 2017

Getsurance - Die angeblich erste volldigitale BU-Versicherung lügt!

Eigentlich wollte ich noch einen ausführlichen Artikel zur getsurance schreiben, da zwingen mich die Startuper von getsurance allerdings zu vorzeitiger Meldung. Hintergrund ist, dass die Verbraucherzentrale einige Punkte kritisiert, auf die getsurance Stellung bezieht. Leider missachten Sie dabei die Grundsätze des lauteren Wettbewers.

 

 Grundsätzlich gute Idee aber mit einigen Schwächen

Das Produkt ist neu, der Ansatz auch. Völlig verzeihlich, dass es da Kinderkrankheiten gibt, die es aus zu merzen gilt. Aber mit aufkommender Kritik muss man leben können. Die Verbraucherzentrale ist ja nun als sehr einseitiger Kritiker bekannt, weshalb es nicht wundert, dass die Kritiken da teils überzogen herkommen. Die Antworten von getsurance sind aber nicht besser, weil auf Blödsinn mit Blödsinn geantwortet wird. Dazu ein Zitat aus dem Pfefferminzia Artikel, der die wörtliche Rede von getsurance beinhaltet.

Berufsunfähigkeitsversicherung, die nur bei Unfall zahlt, ist Verarsche!

Die Verbraucherzentrale hat völlig Recht! Je nachdem welche Quelle bemüht wird, sind 8-12% der Berufsunfähigkeiten durch Unfälle verursacht. Dazu einfach mal "Grund" + "Berufsunfähigkeit" als Google Bildersuche eingeben und schon gibt es zahlreiche seriöse Quellen.
Dort eine Ausschnittsdeckung an zu bieten, die nur diese knapp 10% zahlt, ist per se schon ziemlich unverschämt. Dazu kommt, dass der Beitrag aber nicht nur 1/10 der vollen BU ist, was bestenfalls fragwürdig ist. Aber das wirklich noch Berufsunfähigkeitsversicherung nennen?
Warum nennt man das Kind nicht beim Namen: Unfallversicherung! Dröge ja, aber zumindest ehrlich. Alles andere ist clickbait und damit schlechter Stil.

Angeblich minimierte Gefahr der Anzeigepflichtverletzung - Bullshit!


Mit Verlaub, das ist glatt gelogen. Wer den Verbraucher alleine mit seinen Gesundheitsfragen lässt, der steuert ihn geradezu in die vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung. Zur guten Beratung gehört ein aufbereiten der Gesundheitshistorie. Das wird hier nicht geleistet sondern bewusst umgangen. Das Risiko wird einseitig auf den Kunden abgewälzt, denn der Versicherung bleiben alle Rechte zu Rücktritt, Anfechtung etc. erhalten.
Das hier ist die gleiche Baustelle, wie bei der digitalen Gesundheitsprüfung via vers.diagnose, die ebenfalls erhebliche Risiken birgt.
Wir haben das Thema schon in zwei Beiträgen verarbeitet. Einmal die initiale Benennung der Gefahr, die der Kunde trägt. Als die Antwort von Franke & Bornberg - der Hersteller von vers.diagnose - kam, haben wir nochmal ein paar Urteile nachgelegt, welche die Gefahr für den Kunden untermauern.
Der Kunde steht alleine auf weiter Flur, bekommt keine Unterstützung und hat niemanden, der haftet, wenn etwas schief geht. Kundenschutz geht anders!

Viele Kunden hätte keine BU, weil der Vermittler keine Zeit hätte?


So ein Schwachsinn. Als wäre es in Deutschland schwer einen Termin mit einem Versicherungsmenschen zu bekommen. Als würden Vermittler nicht 24/7 Termine ermöglichen, online und per Telefon beraten und haufenweise Informationen ins Netz stellen. Meine Erfahrung nach haben die meisten Leute mehr Probleme den Versicherungsfrizzen wieder los zu werden. ;)
Dazu noch das Beispiel von Schichtdienstlern wie Krankenschwestern oder Unternehmensberatern. Diese Leute haben auch mal vormittags Zeit, wo die Terminkalender von Vermittlern mehr freie Zeiten aufweisen. Dass ausgerechnet desNhalb weniger Termine mögliche seien, ist Unfug.

Liegt es nicht doch eher an mangelnder Beratung, fehlender Kenntnisse, Komplexität der Materie, Leistung und Beitrag? An sich schon frech, dass die Berufsunfähigkeitsversicherung als "BU-to-go" vertrieben wird.

Die einzige BU für Menschen mit psychischer Vorerkrankung - Niemals, glatte Lüge!


Was soll der Mist? Diese Lüge ist abmahnfähig, da sie nicht nur eine Falschaussage darstellt (habe selbst mehr als ein Dutzend Mandanten mit Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Psycho-Leiden eingedeckt) sondern auch einen Absolutismus beansprucht, dem sie gar nicht gerecht werden kann. Da fallen mir aus dem Stehgreif ein:

  • LV1871 an, welche eine BUZ ohne GesFragen bieten
  • Standard Life bAV bis 500€ (bis 2011)
  • Anschluss-BUs (z. B. Barmenia-Aktion)
  • Dienstobliegenheitserklärungen durch Arbeitgeber im Rahmener einer Direktversicherung (Unterstützungskasse etc), z. B. HDI, Generali, german underwriting, Allianz etc.
  • Risikogerechte Kalkulation mit Backup-Vertrag 
  • to be continued...

Diese Aussage ist einfach falsch, falsch, falsch!

Die entsprechenden Lösungen gibt es. Sie nicht zu kennen oder schlimmer - zu leugnen - rechtfertigt nicht so einen Mist.

 

Fazit - Und die Moral von der Geschicht


... heiß gegessen wie's gekocht, wird es nicht! Der Ansatz von getsurance gefällt mir, ich halte ihn sogar für einen Schritt in die richtige Richtung. Wie bei allem Neuem bedarf es aber der Nachjustierung. Die Falschaussagen bitte ich indes zu unterlassen, denn das begründet den schlechten Ruf der Branche mit. Eine ausführliche Analyse folgt noch, gibt ja immer genug Grund zum Meckern. ;)
Wer aber eine gute Berufsunfähigkeitsversicherung mit entsprechender Beratung will, der darf gerne Kontakt aufnehmen. Navigationsleiste in der Seite ganz oben, "da werden Sie geholfen" hätte et Verena gesagt.

Freitag, 4. August 2017

Kleingedrucktes: Worauf kommt es bei einer selbstständigen Berufsunfähigkeitsversicherung (SBU) an?

Auf einen ganzen Haufen Kram. Mir fiel heute die Ausarbeitung des Kölner Analysehauses infinma in die Hände, welches sich mit Standards der SBU-Bedingungen befasst. Die BU-Marktstandards lassen sich auch auf der infinma Seite runterladen.

Auf welche Klauseln kommt es an?


Das hängt vom Einzelfall ab, bestimmte Klauseln sind aber fast immer wichtig. Im Kürze möchte ich darstellen, wo es eine auffällige Diskrepanz gibt, von wichtig zu erschwinglich. Sprich welche Klauseln sind wichtig aber nicht selbstverständlich quasi überall dabei.

Kritische Klauseln:


Prognosezeitraum


Vereinfacht: Wie lange muss ich voraussichtlich außer Stand seinen meinen Beruf aus zu üben? Je kürzer, umso besser. Sechs Monate ist zurzeit das Optimum, was rausgeholt werden kann. Aber fast 20% der Tarife auf dem Markt erfüllen dieses Kriterium nicht.



Kostenbegrenzung bei Umorganisation


Kann Ihr Arbeitsplatz (behindertengerecht) umgebaut werden? Falls ja, würde es kein Geld geben. Gelegentlich gibt es einen Zuschuss. Die Frage ist nur, möchte Ihr Boss das Geld wirklich ausgeben? Und wird er es im Zweifel tun? Hier haben Mitarbeiter von Konzernen, welche auch Invalidenquoten erfüllen müssen, oft ein paar Vorteile. Dennoch sollte auf die Umorganisation verzichtet werden oder die Bedingungen stehen. Nur etwa 15% der untersuchten Tarife (69:415) erfüllen das.



Theoretisch ist die zweite Kröte, dass die wenigsten Tarife die Umorganisationsbedingungen eindeutig definieren. Ich bin mir aber sicher, dass es Urteile zur Kostenbegrenzung (Wirtschaftlichkeitsgebot) gibt oder eine Klage sich lohnen würde.  So gab es z. B. OLG Urteile, dass die Lohnentwicklung zu berücksichtigen sei oder dass wegen der Kosten eine Umorganisation unzumutbar sei (OLG Frankfurt a. M. Az 7 U 287/08).
Aber dass bei vollständiger Wirbelsäulendegeneration höhenverstellbare Schreibtische zu bezahlen seien (LSG Rheinland-Pfalz Az. L 6 R 504/14). Es gab noch weitere nachteilige Auslegungen, z. B. LG Frankenthal (Az 3 O 347/07), dass auch 20% Einbuße für die Umorganisation beim Einzelgewerbetreibenden zumutbar seien.
Die reine Umorganisation auf Nischenarbeitsplätze oder theoretische Arbeit, für die es keinen Markt gibt, ist ebenfalls unzulässig (BGH VersR 99, 1134).



Untersuchungen im Ausland

Ja, es ist eine Nischen-Klausel, die nur bei bestimmten Berufen greift. Aber gerade letzte Woche hatte ich eine Nuklearmedizinerin in der Beratung, welche ca. 4 Monate nicht in Deutschland ist und vermutlich diesen Anteil noch ausbauen wird. Oder mein Bauingenieur auf der arabischen Halbinsel. Der Chefeinkäufer im Großhandel. Der Teilehändler eines Metallverwerters. Der Seemann. Usw. usf. Wer beruflich sehr viel im Ausland unterwegs ist oder (mindestens) teilweise einen Lebensmittelpunkt dort hat, für den kann es ein relevanter Punkt sein. Ca. 20% der untersuchten Tarife bieten das an.


Verzicht auf befristete Anerkenntnisse

Kriegsentscheidend wichtig! Nicht immer kann eine Prognose für lange Zeit abgegeben werden, weshalb die Versicherungen gerne auf Zeit spielen und erstmal nur befristet anerkennen wollen (gem. §173 II VVG). Dafür erleichtern Sie die Initialzahlung mittels sog. Individualvereinbarungen. Klingt erstmal gut, ist es aber nicht. Abgesehen vom erhöhten administrativen Aufwand, gelten auf neue Bedingungen während der Nachprüfung, die es zu vermeiden gilt. Oder es wird zum Nachteil für den Kunden abgewichten. Theoretisch gilt zwar, dass ein geregelter Sachverhalt nicht zum Nachteil des Versicherungsnehmers geändert werden kann (BGH vom 07.02.2007 mit Az. IV ZR 244/04) aber wie kann der Laie das denn durchblicken, mhm? Und was, wenn es nicht geregelt war? Keine Regelung, keine negative Abweichung. Höchst gefährlich, möglichst immer ausschließen. Die wenigen Fälle, wo es Vorteile geben kann, sind an dieser Stelle vernachlässigbar.

Nachprüfung

Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir zusehen, dass die Nachprüfung für den Versicherungsnehmer nicht schlechter ist als die ursprüngliche Prüfung auf Berufsunfähigkeit. Hier patzen immerhin 96% der untersuchten Tarife, vgl. Grafik.

Leistung bei Arbeitsunfähigkeit


Sehr komplexes Thema, das einen gesonderten Beitrag verdient. Fest zu halten ist, dass es hier noch keine pauchal gültige Musterlösung gibt. Und seit das Mannheimer Krankengeld (ehemaliger, unangefochtener Leistungsmarktführer) nicht mehr abschließbar ist, wurde es noch enger.

Und die Moral von der Geschicht...


...Billigstleistung lohnt sich nicht! Wer nur auf den Preis guckt, der zahlt am Ende drauf, weil er sich Bedingungen einkauft, die er gar nicht haben mag. Denn nahezu alle der 5 Sterne, 10 Kochlöffel, 35 Augen oder 50 Muscheln Ratings vergeben Topnoten auch an Tarife, welche die o. g. Klauseln nicht einhalten können. Was nutzen aber x€/Ersparnis im Monat, wenn die eigene Existenz dadurch vernichtet ist?
Außerdem hat jede Versicherungen Ratings, wo sie ganz toll aussieht, denn davon leben diese Ratinggesellschaften.

Die selbstständige Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine Statusabsicherung und nach der Krankenversicherung die teuerste Personenversicherung, welche die meisten Leute abschließen können. Gute Beratung kostet hier nicht extra, denn die Vergütungen (Courtage/Provision) sind in den Abschlusskosten bereits einkalkuliert. Und selbst wenn Sie mal 300-400€ für eine fundierte Beratung ausgeben, ist das im Zweifel günstiger als sich den falschen Schutz ein zu kaufen oder bei einem Abzocker keine Leistung zu bekommen, weil der Mist erzählt hat (egal ob aus Blödheit oder Bosheit).

Drum prüfe, wer sich ein Arbeitsleben lang bindet. Es gibt natürlich noch viel mehr Klauseln aber zu diesen gab es schönes Zahlenmaterial. Drum Dank an die Kölner Kollegen von infinma vor die gute Vorarbeit.

Und falls Sie uns prüfen lassen wollen, Sie finden in der Seite unser Kontaktformular. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre. Und bleiben Sie gesund!